Gutmensch: Zum Unwort des Jahres 2015 gewählt

veröffentlicht am 13.01.2016

Das Wort "Gutmensch" ist zum Unwort des Jahres 2015 gekürt worden. Außerdem gerügt werden die Wörter "Hausaufgaben" (im Zusammenhang mit Griechenland) und Verschwulung.

In der Jurybegründung heißt es: "Das Wort 'Gutmensch' ist zwar bereits seit langem im Gebrauch und wurde auch 2011 schon einmal von der Jury als ein zweites Unwort gewählt, doch ist es im Zusammenhang mit dem Flüchtlingsthema im letzten Jahr besonders prominent geworden. Als 'Gutmenschen' wurden 2015 insbesondere auch diejenigen beschimpft, die sich ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe engagieren oder die sich gegen Angriffe auf Flüchtlingsheime stellen. Mit dem Vorwurf 'Gutmensch', 'Gutbürger' oder 'Gutmenschentum' werden Toleranz und Hilfsbereitschaft pauschal als naiv, dumm und weltfremd, als Helfersyndrom oder moralischer Imperialismus diffamiert. Der Ausdruck 'Gutmensch' floriert dabei nicht mehr nur im rechtspopulistischen Lager als Kampfbegriff, sondern wird auch von Journalisten in Leitmedien als Pauschalkritik an einem 'Konformismus des Guten' benutzt. Die Verwendung dieses Ausdrucks verhindert somit einen demokratischen Austausch von Sachargumenten. Im gleichen Zusammenhang sind auch die ebenfalls eingesandten Wörter 'Gesinnungsterror' und 'Empörungs-Industrie' zu kritisieren".

Weitere Unwörter

Hausaufgaben

Das Wort "Hausaufgaben" wurde in den Diskussionen um den Umgang mit Griechenland in der EU nicht nur, aber besonders im Jahr 2015 von Politikerinnen und Politikern, Journalistinnen und Journalisten als breiter politischer Konsensausdruck genutzt, um Unzufriedenheit damit auszudrücken, dass die griechische Regierung die eingeforderten so genannten Reformen nicht wie verlangt umsetze: Sie habe ihre "Hausaufgaben" nicht gemacht. In diesem Kontext degradiere das Wort souveräne Staaten beziehungsweise deren demokratisch gewählte Regierungen zu unmündigen Schulkindern, kritisiert die "Unwort des Jahres"-Jury: Ein Europa, in dem "Lehrer" "Hausaufgaben" verteilen und die "Schüler" zurechtweisen, die diese nicht "erledigen", entspringe einer Schule der Arroganz und nicht der Gemeinschaft. Das Wort sei deshalb als gegen die Prinzipien eines demokratischen Zusammenlebens in Europa verstoßend zu kritisieren.

Verschwulung

Das Wort "Verschwulung" ziert einen Buchtitel des Autors Akif Pirinçci ("Die große Verschwulung") und wurde von der Online-Zeitschrift "MÄNNER" und ihren Lesern zum "Schwulen Unwort 2015" gekürt. Die Jury teilt die Ansicht der Zeitschrift und ihrer Leser, dass ein solcher Ausdruck und die damit von Pirinçci gemeinte "Verweichlichung der Männer" und "trotzige und marktschreierische Vergottung der Sexualität" eine explizite Diffamierung Homosexueller darstellt und kritisiert den Ausdruck daher ebenfalls als ein Unwort des Jahres 2015. Auch durch die Analogie zu faschistischen Ausdrücken wie "Verjudung" sei die Bezeichnung kritikwürdig.

Unwort-Statistik 2015

Für das Jahr 2015 wurden 669 verschiedene Wörter eingeschickt, von denen circa 80 auch den Unwort-Kriterien der Jury entsprechen. Die Jury erhielt insgesamt 1.644 Einsendungen. Die zehn häufigsten Einsendungen insgesamt, die allerdings nicht sämtlich den Kriterien der Jury entsprechen, waren Lärmpause [165], Willkommenskultur [113], Gutmensch [64], besorgte Bürger [58], Grexit [47], Wir schaffen das! [46], Flüchtlingskrise [42], Wirtschaftsflüchtling [33], Asylgegner/-kritiker/Asylkritik [27] und Griechenlandrettung/ Griechenlandhilfe [27]. Die Jury der institutionell unabhängigen Aktion "Unwort des Jahres" besteht aus folgenden Mitgliedern: den vier Sprachwissenschaftlern Prof. Dr. Nina Janich/TU Darmstadt (Sprecherin), PD Dr. Kersten Sven Roth (Universität Düsseldorf), Prof. Dr. Jürgen Schiewe (Universität Greifswald) und Prof. Dr. Martin Wengeler (Universität Trier) sowie dem Autor und freien Journalisten Stephan Hebel. Als jährlich wechselndes Mitglied war in diesem Jahr der Kabarettist Georg Schramm beteiligt.


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