Werner Grafenhain
11.03.2009

Zur Sache: Sauberes Lernen mit T-Systems und Microsoft

EduKey heißt das neue Zauberkästchen, mit dem "sauberes Lernen" per USB-Anschluss an jedem Rechner möglich werden soll. Dabei handelt es sich um ein unscheinbares Kästchen mit Fingerscanner, integriertem WLAN, bootfähigem Windows XP, Browser und MS Office.
 

"Mit EduKey greifen Schülerinnen und Schüler sowie Lehrerinnen und Lehrer von jedem PC mit Internetanschluss biometrisch sicher über ein persönliches Profil auf das Edunex-Portal zu." Weiter im Originaltext: "Für ein selbstbestimmtes, flexibles Lernen mit der multimedialen und interaktiven Bildungsplattform." Und hat "sich der Schüler mit seinem Fingerabdruck identifiziert, bootet der EduKey direkt über den Browser in die Edunex-Schulumgebung …", mit EduKey hat "der Schüler keine Möglichkeit, Webseiten zu besuchen, die ihn von seinem Lernerfolg abhalten".

 

Klingt marketingmäßig erstmal genial, was sich T-Systems da ausgedacht hat. Aber es geht noch weiter: "Als weitere Anforderung nannte Holger Hille, bei T-Systems für Länder und Kommunen zuständig, die von den Schulen für die Zukunft angedachte Möglichkeit, Online-Klassenarbeiten zu schreiben. Während einer solchen Klassenarbeit "soll der Schüler bei jeder Aufgabe per Fingerabdruck bestätigen, dass er selbst die Aufgabe gelöst hat. Zusätzlich soll dabei eine Prüfung per Webcam erfolgen, dass nicht geschummelt wird."

Statt selbstbestimmtem Lernen, statt der Vermittlung von Medienkompetenz und neuen Lernformen, statt dem offenen Zugang zu allen Informationen: die totale Zugangskontrolle über EduKey, die Entmündigung von Lehrkräften, Lernenden und Eltern? Statt Vertrauen als Basis der Beziehungen zwischen allen Akteuren in Schule, statt Erziehung zur sozialen Kompetenz, zum mündigen Bürger: die Schule als Vorhölle zum totalen Überwachungsstaat? Statt der freien Wahl des Browsers, des Betriebssystems, der Anwendungsprogramme: die Festlegung auf die Produkte von Microsoft? Zur Orientierung hier die aktuellen Marktanteile der am meisten verbreiteten Browser:

Browserverteilung bei lo-net² im Februar 2009 (in Klammern Februar 2008)

Firefox46,5 % (37,1 %)
MS Internet Explorer45,3 % (55,9 %)
Safari  2,8 % (0,9 %)

Browserverteilung bei lo-kompakt im Februar 2009 (in Klammern November 2008)

Firefox49,3 % (41,1 %)
MS Internet Explorer40,0 % (49,7 %)
Safari  4,7 % (1,3 %)

Und Dank Google noch im Netz zu finden: "Dabei greift Edunex als einzige Lernplattform auf das Wissen der Schulbuchverlage Cornelsen, Westermann und Klett zu." (Das "einzige" wurde von T-Systems übrigens in dem von Google indexierten Dokument mittlerweile gelöscht.) Interessant hierzu: Obwohl lo-net² und lo-kompakt zusammen bald eine Million Nutzer haben, ermöglichen die oben genannten Bildungsverlage bisher unseren Nutzern keinen Zugang zu ihrem "Wissen".

Bei T-Systems heißt es: "Im Fachbeirat Edunex beraten hochkarätige Experten rund ums Thema Lernen mit digitalen Medien. Damit ist das Gremium ein wichtiges Forum für die Weiterentwicklung von Bildungskonzepten in Deutschland." In dem Beirat sind auch mindestens zehn Bundesländer mit ihren Abgesandten vertreten. Was wohl die Datenschutzbeauftragten dieser Länder zu EduKey sagen? Oder die FDP in Hessen, mit Blick auf ihr eigenes Wahlprogramm?

Besonders da in Hessen gerade ein PPP-Projekt für 100 Schulen zwischen der Landesregierung und T-Systems auf Basis von Edunex etabliert wird. Hier ist eine Schlüsselpassage in der Ausschreibung zu diesem PPP-Projekt besonders interessant, sozusagen die lex Edunex: "Die Nutzung der Materialien der Verlage Klett und Cornelsen innerhalb dieser Plattform ist eine Mindestvoraussetzung."

Mit Edunex und EduKey versucht, so der erste Eindruck, T-Systems ein geschlossenes System für Schulen ganz im Stile eines Ex-Monopolisten zu etablieren. Nicht von unten, wohl gemerkt - denn an der schulischen Basis gibt es bereits eine überzeugende Akzeptanz für Moodle, lo-net² und andere -, sondern von ganz oben.

Beim Einsatz von EduKey, so heißt es, werden vom eingeschalteten Rechner nur die Tastatur, der Arbeitsspeicher und der Bildschirm genutzt. Mal abgesehen davon, dass ein Windows XP Embedded auch zu mehr nicht in der Lage ist, was werden wohl Apple, Intel und andere mit ihren speziell für die Schule aufgelegten Notebook- und Softwareprogrammen dazu sagen? Und noch eine ganz andere Frage: Wer soll EduKey und Edunex finanzieren? Die Länder, die Schulträger, die Schulen oder letztendlich die Eltern?

Ein letzter kleiner Hinweis. Im Kundenmagazin von T-Systems, BestPractice Online, heißt es: "Mogeln unmöglich. Der Fingerscanner stellt sicher, dass Schüler nur ihren eigenen EduKey benutzen können. Sollte der Schlüssel verloren gehen, kann ein anderer Schüler nichts damit anfangen."

Eltern, Lehrkräften sowie Schülerinnen und Schülern aus Hessen kann ich dazu nur einen Besuch der Website des Chaos Computer Clubs empfehlen. Dort finden sie Hinweise zu Sicherheit und Zuverlässigkeit von biometrischen Verfahren inklusive einer kleinen Bastelanleitung, wie Fingerscanner überlistet werden können ...

Erfolgreichen Unterricht mit bewusstem Medieneinsatz wünscht
Werner Grafenhain
Geschäftsführer der lo-net GmbH

Quellen und weiterführende Links

Kommentare zu diesem Beitrag
  • Für ängstliche Pädagogen und überregulierende Bürokraten genau richtig donaldtownsend, 11.03.2009 21:23
    T-Systems ist ein Unternehmen und es will technische Lösungen verkaufen. EduKey ist genau eine solche Lösung. Sie zielt auf Leute, die eine saubere, einfache und sichere Lösung suchen, und wird als solche verkauft. Was wünscht sich Lehrer, Schulleiter, Schulverwaltung, Schulträger, Land, ... mehr? Kaufen und bezahlen und die Welt ist in Ordnung. Man braucht sich keine Sorgen mehr machen, ist seinen Verpflichtungen zum Schutz der anvertrauten Kinder und Jugendlichen nachgekommen und rechtlich auf der sicheren Seite.
    Die Wirtschaft hat Schule schon lange als ein lohnendes Geschäftsfeld entdeckt, dass es zu erschließen gilt, in allen und jedem Bereich. Schulverwaltungen mögen standardisierte Lösungen, die den Aufwand minimieren und Kosten reduzieren.

    Es freuen sich die Schüler, welche das System nutzen müssen mit Sicherheit. Bei manchen Lehrern und Schulleitungen könnte es auf Gefallen stoßen, vielleicht. Who knows?
  • Ende vom Anfang des Neuen Lernens jakosi, 11.03.2009 18:30
    ... da kann man nur hoffen, dass nicht viele Entscheidungsträger auf dieses restriktive System hereinfallen. Wie wärs statt dessen mit mehr Medienerziehung zum mündigen Web 2.0 Nutzer? Allerortens öffnen sich die Netzwerke und hier gibt es jetzt ernsthafte Bestrebungen, alle wieder dicht zu machen. Es steht allerdings zu befürchten, dass viele diesem "doch so sicheren System" auf den Leim gehen - der Content ist ja auch schon gesichert- es leben die Verlage, die die Entwicklung bisher schön verschlafen haben!
    Wie gut, dass es die wachsamen Autoren von lehrer-online gibt ... werde den Artikel gleich twittern.

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