Suizidforen im Internet

Selbstmord ist bei deutschen Jugendlichen die dritthäufigste Todesursache, auch wenn die Zahl der Suizid-Toten seit 1975 rückläufig ist. Anders gesagt: "Durch Selbstmord sterben fast so viele Jugendliche wie im Straßenverkehr", wie ein Berliner Beratungsdienst konstatiert.
 

Mit Selbstmord-Foren im Internet hat die Suizidalität vieler Jugendlicher laut Medienberichten eine weitere Dimension bekommen: Man schaukele sich in der geteilten Isolation vor dem PC angeblich gegenseitig hoch, bestärke und glorifiziere sich, Gruppendruck entstehe, bis hin zu Sektencharakter.

 

Beschreibung

Das Web kann  Emotionen verstärken

Weltschmerz, doofe Eltern, die einen einfach nicht verstehen können, Liebeskummer, Schulprobleme, soziale Benachteiligung, sexueller Missbrauch, Schläge, Vernachlässigung - alles so alt wie die Erde selbst. Die erste öffentliche Selbstmordwelle unter jungen Leuten wurde bekanntlich nach Goethes "Die Leiden des jungen Werther" (1774) verzeichnet. Ob die Zahl der Selbstmorde in der pluralistischen Moderne wirklich so sprunghaft angestiegen ist, wie einige Konservative meinen, ist zu bezweifeln, galt Selbstmord doch über Jahrhunderte als Sünde und zu vertuschender Makel. Das Tabu wirkt bis heute. Inwiefern fügt das Internet dieser tragischen Konstante der Adoleszenz noch etwas hinzu?

Das Real-Life-Korrektiv fehlt

Ob man in einer innigen Email-Freundschaft die große Liebe zu entdecken glaubt oder wütende Postings in Internetforen hinterlässt - das rechte Maß gerät auch Erwachsenen im Cyberspace leichter aus den Augen. Eine Mutter, die sich in der Eltern- und Betroffeneninitiative Sachsen engagiert, beschreibt die Entwicklung gegenüber REPORT aus ihrem Blickwinkel so:

  • "Wenn die Jugendlichen Stress zu Hause haben, sagen wir mal, es ist etwas in der Schule falsch gelaufen und noch zu Hause irgendwas falsch gelaufen. Die Mutter nörgelt natürlich berechtigt, ja. Dann sagen die Kids doch heutzutage oder es sagt auch jeder Mensch mal diesem Alter zwischen vierzehn und achtzehn: Ja Mutter, wenn du weiter nörgelst, dann bringe ich mich irgendwann mal um, du wirst schon sehen, was du davon hast. So."
  • "Und früher mussten die um die Ecke gehen, Freund oder Freundin das erzählen, und dann ist ihnen schon wieder was Neues begegnet. Jetzt gehen die in ihr Jugendzimmer, sehen den Computer, und jetzt kommt dieser Kurzschluss noch mal: Selbstmord, nur das Wort. Gib das doch mal in die Suchmaschine ein. Dann ist man mit drei Mausklicks, mehr braucht man nicht, schon drin."
 

Bislang kein Eingreifen

Laut REPORT-Mainz-Sendung vom 6. August 2001 unternimmt das Bundesfamilienministerium bislang noch nichts gegen solche Suizidforen. Denkbar wäre beispielsweise eine spezielle bundesweite Task Force, die sich darum bemüht, den Kontakt zu gefährdeten Jugendlichen herzustellen bzw. im Extremfall ihre Identität aufzudecken und sie in psychiatrischen Gewahrsam zu bringen, um sie erst einmal vor sich selbst zu schützen - so unschön das ist. In Österreich haben die Ministerien für Schule, Familie und Inneres bereits Vorbereitungen getroffen, um unbürokratisch eingreifen zu können, mit Schwerpunkt auf der (Internet-)Prävention.

Was kann die Schule tun?

Suizidprävention in der Schule
Das Beratungsangebot "NEUhland - Hilfen für suizidgefährdete Kinder und Jugendliche" bietet auch interessierten LehrerInnen ausführliche praxisorientierte Informationen für die Suizidprävention in der Schule. Hier erfahren Sie,

  • wie sich Suizidalität im Jugendalter soziologisch verhält (zwei Drittel aller Jugendlichen kennen Suizidgedanken, Relation Suizide - Versuche, kaschierte Suizide durch Drogen und Verkehrsunfälle etc.)
  • welche Alarmzeichen für Suizidalität es gibt (Leistungsabfall, verändertes Sozialverhalten etc.)
  • inwiefern Sie womöglich initiativ hilfreich sein könnten - ganz gezielt und begrenzt
  • an wen Sie weiterverweisen können, wenn Sie fühlen, dass Ihre Kompetenz erschöpft ist
  • welche rechtlichen Fragen Sie beachten sollten (Spannungsfeld: Wann müssen Sie die Eltern mit einbeziehen, und wann nicht?)
  • welche Handlungsmöglichkeiten sich anbieten, wenn sich ein Schüler umgebracht hat, um in der Klasse mit Hilflosigkeit, Entsetzen und eventuellen NachahmungstäterInnen fertig zu werden
 

Übungen im Unterricht

Suizidalität enttabuisieren - Jugendliche entlasten
Die PsychologInnen von NEUhland geben auch mehrere Anregungen, wie sich das Thema Suizid in den Unterricht integrieren lässt. Ein Übungsvorschlag lautet z.B., drei Aussagen an die Tafel zu schreiben und die Klasse in Gruppen darüber diskutieren zu lassen, um gängige Vorurteile zu entkräften: 1. "Wer von Selbstmord spricht, tut es nicht." [Die meisten Suizidversuche wurden vorher angekündigt.] 2. "Wer über Suizid nachdenkt, ist verrückt." [Gedanken über den Tod und Sinn des Lebens gehören zum Entwicklungsprozess und sind weder pathologisch noch verrückt.] 3. "Durch das Ansprechen von Selbstmordgedanken bringe ich den anderen erst auf die Idee, sich umzubringen."  [Im Gegenteil - ein offenes, ruhiges Ansprechen von Suizidgedanken oder -phantasien entlastet Jugendliche.]

Halb so schlimm?

Informationen

... für ratsuchende Eltern und LehrerInnen

Berichte

Bei Lehrer-Online

Informationen zur  Autorin

Stephanie Sellier
Material
 
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